Mit 49 neu anfangen #7: Warum für alles Zeit ist – nur für mich selbst oft nicht
Ich kann erstaunlich viel in einen Tag packen, wenn etwas erledigt werden muss. Für SAHAMA finde ich Zeit, für Bewerbungen finde ich Zeit, und für organisatorische Dinge, Termine, Haushalt und all das, was im Alltag eben nicht einfach verschwindet, finde ich meistens irgendwie auch noch Zeit. Wenn etwas wirklich dringend ist, bekommt es seinen Platz.
Und dann gibt es die Dinge, die eigentlich ebenfalls wichtig sind, nur eben nicht laut. Bewegung, besser essen, Ruhe, Erholung, Zeit für mich selbst – genau das rutscht erstaunlich leicht nach hinten. Dann denke ich abends wieder: Eigentlich hatte ich heute keine Zeit für mich. Je länger ich meinen Neustart mit 49 beobachte, desto deutlicher merke ich, dass das nicht nur ein Terminproblem ist, sondern auch damit zu tun hat, welche Dinge ich innerlich als wirklich verbindlich behandle und welche ich immer wieder verschiebe, weil niemand außer mir sofort merkt, wenn sie ausfallen.
„Keine Zeit für mich“ stimmt oft nur teilweise
Wenn ich sage, ich habe keine Zeit für mich, ist das nicht völlig falsch. Mein Alltag ist voll, und manche Tage lassen tatsächlich wenig Spielraum. Aber wenn ich genauer hinschaue, ist die eigentliche Frage oft nicht nur, ob Zeit vorhanden ist, sondern wer oder was zuerst Zugriff auf diese Zeit bekommt.
Eine Bewerbung hat eine Frist, ein Termin steht im Kalender und eine Aufgabe für SAHAMA hat ein sichtbares Ergebnis. Wenn ich sie erledigt habe, kann ich sie abhaken. Bei Bewegung oder Erholung gibt es oft keinen äußeren Druck. Niemand schreibt mir eine Erinnerung, weil ich heute noch nicht spazieren war, und niemand wartet darauf, dass ich eine halbe Stunde einfach nichts tue. Genau deshalb verlieren diese Dinge im Wettkampf um meine Aufmerksamkeit erstaunlich oft.
Sichtbare Aufgaben fühlen sich wichtiger an
Ich glaube, ein Teil des Problems liegt darin, dass sichtbare Aufgaben so angenehm eindeutig sind. Eine Seite ist fertig, ein Beitrag ist veröffentlicht, eine Bewerbung ist abgeschickt oder die Küche ist aufgeräumt. Das alles kann ich sehen, und genau deshalb fühlt es sich schnell wichtiger oder „richtiger“ an.
Erholung ist schwieriger zu messen. Wenn ich eine Stunde ruhig sitze, habe ich danach nichts produziert. Wenn ich spazieren gehe, ist keine Aufgabe aus meiner Liste verschwunden, und wenn ich früher ins Bett gehe, habe ich sogar weniger Zeit zum Arbeiten. Natürlich weiß ich rational, dass diese Dinge trotzdem sinnvoll sind. Aber zwischen Wissen und tatsächlichem Verhalten liegt bei mir offenbar noch ein ziemlich großer Unterschied.
Vielleicht kennst du das auch: Man behandelt das, was einen am Laufen hält, wie etwas, das nur stattfinden darf, wenn alles andere erledigt ist. Das Problem ist nur, dass alles andere nie vollständig erledigt ist.
Für Dinge, die mir wichtig sind, kann ich sehr viel Energie mobilisieren
Bei SAHAMA merke ich das besonders deutlich. Wenn ich an einer Seite, einem Beitrag oder einer Idee arbeite und richtig drin bin, kann ich stundenlang konzentriert sein. Ich muss mich dann nicht zwingen, sondern eher daran erinnern, irgendwann auch wieder aufzuhören.
Das zeigt mir etwas Wichtiges: Mein Problem ist nicht grundsätzlich, dass ich keine Energie habe oder nichts durchziehen kann. Ich kann sehr konsequent sein, wenn mir etwas Bedeutung gibt und ich sehe, wofür ich es mache. Gerade deshalb möchte ich vorsichtig sein mit einfachen Erklärungen wie „Du brauchst mehr Disziplin“. Vielleicht brauche ich bei manchen persönlichen Dingen gar nicht mehr Disziplin, sondern eine andere Art, ihnen Bedeutung und Verbindlichkeit zu geben.
Warum ist es leichter, für ein Projekt da zu sein als für mich selbst?
Diese Frage finde ich unangenehm interessant. Bei einem Projekt sehe ich Entwicklung, ich habe ein Ziel und kann entscheiden, was als Nächstes passiert. Selbst kleine Schritte ergeben zusammen etwas Größeres, und das macht Fortschritt sichtbar.
Bei Selbstfürsorge fühlt sich das manchmal diffuser an. „Mehr Bewegung“ ist kein besonders konkretes Bild. „Gesünder essen“ ebenfalls nicht. „Mehr auf mich achten“ klingt gut, sagt aber wenig darüber aus, was heute um 15 Uhr tatsächlich passieren soll. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum solche Vorhaben immer wieder nach hinten rutschen: Sie sind zwar wichtig, aber nicht konkret genug, um im Alltag gegen eine echte Aufgabe anzutreten.
Ein Blogbeitrag hat einen Anfang und ein Ende. „Mehr für mich tun“ hat beides nicht.
Ich möchte Selbstfürsorge nicht zum nächsten Großprojekt machen
Genau hier lauert für mich allerdings die nächste Falle. Wenn ich merke, dass etwas nicht funktioniert, neige ich schnell dazu, ein System daraus zu bauen. Dann könnte ich eine Routine planen, feste Zeiten eintragen, einen Wochenplan erstellen, Gewohnheiten tracken und aus „mehr Bewegung“ innerhalb von zwanzig Minuten ein komplettes neues Lebenskonzept machen.
Das wäre vermutlich wieder genau mein altes Muster. Ich möchte diesmal nicht aus Selbstfürsorge eine weitere Baustelle machen, die ich perfekt organisieren muss. Denn dann hätte ich am Ende nur noch eine zusätzliche Kategorie, in der ich mich unzureichend fühlen kann.
Mein Ziel ist kleiner: persönliche Dinge nicht immer automatisch als Erstes zu streichen, sobald der Tag voller wird.
Was verschiebe ich eigentlich zuerst?
Diese Frage hat mir in letzter Zeit mehr gebracht als jeder perfekte Wochenplan. Wenn etwas dazwischenkommt, was fliegt zuerst raus? Ist es der Spaziergang, die Pause, das Essen, das ich eigentlich in Ruhe machen wollte, oder die Zeit, in der ich einfach einmal nichts erledigen wollte?
Die Antwort zeigt ziemlich schnell, welche Termine innerlich wirklich geschützt sind und welche nur so lange gelten, bis etwas vermeintlich Wichtigeres auftaucht. Bei mir sind persönliche Dinge oft erstaunlich flexibel. Vielleicht zu flexibel. Denn Flexibilität klingt zunächst positiv, aber wenn ein Termin immer verschoben werden kann, findet er irgendwann vielleicht gar nicht mehr statt.
„Ich mache das später“ ist eine meiner zuverlässigsten Fallen
Später klingt vernünftig. Ich mache erst noch diesen Beitrag fertig und gehe danach raus. Ich erledige erst die Mails und mache danach Pause. Ich räume erst noch auf und kümmere mich danach um mich.
Nur kommt nach der einen Aufgabe meistens noch eine andere. Und irgendwann ist „später“ Abend. Das erinnert mich sehr an den größeren Gedanken hinter meinem ganzen Neustart. Auch mein eigenes Leben habe ich lange genug auf einen passenderen Zeitpunkt verschoben – nicht dramatisch und nicht absichtlich, sondern immer nur ein bisschen.
Wenn dies erledigt ist. Wenn das geklärt ist. Wenn mehr Ruhe da ist. Vielleicht beginnt Veränderung deshalb bei mir gerade nicht mit einer spektakulären Entscheidung, sondern damit, dieses „später“ häufiger zu bemerken.
Keine Zeit für mich – oder kein fester Platz für mich?
Diese Formulierung trifft es für mich inzwischen besser. Natürlich kann ich nicht jeden Tag mehrere Stunden nur für mich reservieren. Das wäre in meinem Alltag völlig unrealistisch. Aber zwischen mehreren Stunden und gar nichts liegt ziemlich viel.
Vielleicht sind es zwanzig Minuten draußen, eine Mahlzeit, die ich nicht nebenbei esse, eine halbe Stunde früher Schluss mit Arbeit oder etwas, das ich einfach gern mache, ohne daraus sofort ein neues Projekt zu entwickeln. Das Entscheidende ist weniger die Größe. Es ist die Frage, ob diese Zeit nur zufällig übrig bleibt oder einen echten Platz bekommt.
Denn wenn ich nur das für mich nutze, was nach allem anderen noch übrig ist, bekomme ich zwangsläufig oft den Rest.
Ich muss nicht erst alles verdient haben
Da steckt noch etwas anderes drin, das ich bei mir beobachte: Das Gefühl, Pausen seien leichter zu rechtfertigen, wenn vorher genug erledigt wurde. Erst arbeiten, dann ausruhen. Erst leisten, dann etwas Schönes machen. Erst die Liste abarbeiten, dann darf der Tag mir gehören.
Das klingt vertraut, aber die Rechnung geht nicht auf, wenn die Liste kein Ende hat. Ich möchte mir deshalb stärker erlauben, Dinge nicht nur als Belohnung nach Leistung einzuplanen. Ruhe ist nicht ausschließlich der Preis dafür, vorher besonders produktiv gewesen zu sein. Manchmal ist sie einfach ein Teil eines Tages.
Mein Neustart wird nicht funktionieren, wenn ich mich selbst wieder nach hinten schiebe
Dieser Gedanke ist inzwischen ziemlich klar. Ich kann SAHAMA aufbauen, beruflich neue Möglichkeiten prüfen, Produkte entwickeln, Beiträge schreiben und Pläne für mein nächstes Lebensjahr machen. Aber wenn mein Neustart am Ende wieder bedeutet, dass alles Zeit bekommt – nur ich selbst nicht –, dann hätte ich zwar neue Projekte, aber noch nicht unbedingt ein anderes Leben.
Und genau darum geht es mir eigentlich. Ich möchte nicht einfach nur mehr schaffen, sondern mein Leben bewusster gestalten. Das beinhaltet zwangsläufig auch die Frage, wie viel Platz ich darin selbst bekomme.
Vielleicht brauche ich keine perfekte Routine, sondern eine Mindestgröße
Statt jetzt einen großen Selbstfürsorgeplan zu entwerfen, gefällt mir ein anderer Gedanke besser: eine Art Mindestgröße. Was ist so klein, dass es selbst an einem vollen Tag möglich wäre? Vielleicht zehn Minuten draußen, eine richtige Pause ohne Bildschirm, ein Frühstück, das nicht zwischen zwei Aufgaben verschwindet, oder ein kurzer Moment, in dem ich frage: Was brauche ich gerade eigentlich?
Nicht jeden Tag alles. Nur etwas, das verhindert, dass ich mich an vollen Tagen komplett aus meinem eigenen Plan streiche. Wenn du deine Bedürfnisse im Alltag ebenfalls oft erst bemerkst, wenn bereits alles zu viel wird, kann dir der Bedürfnisnavigator helfen, eine konkrete Situation genauer zu sortieren.
Auch Grenzen haben mit Zeit zu tun
Zeit für mich entsteht nicht nur dadurch, dass ich etwas zusätzlich in den Kalender schreibe. Manchmal entsteht sie auch dadurch, dass ich an anderer Stelle nicht automatisch Ja sage. Eine Aufgabe nicht sofort übernehmen, einen Termin nicht in jede freie Lücke quetschen oder nicht jeden Wunsch eines anderen automatisch wichtiger behandeln als den eigenen Plan – all das schafft ebenfalls Raum.
Das klingt schnell egoistisch, ist es aber nicht automatisch. Wenn meine eigene Zeit grundsätzlich immer die flexibelste Zeit im ganzen Kalender ist, sagt das ebenfalls etwas über meine Grenzen aus. Der Lebensbereich „Beziehungen & Grenzen“ passt deshalb überraschend gut zu diesem Thema. Selbstfürsorge besteht eben nicht nur aus Dingen, die ich für mich tue, sondern manchmal auch aus Dingen, die ich nicht zusätzlich übernehme.
Woran ich in den nächsten Wochen arbeiten möchte
Ich möchte nicht plötzlich jeden Morgen um sechs Uhr Sport machen, meine Ernährung vollständig umstellen und täglich meditieren. Das wäre beeindruckend – und bei mir wahrscheinlich ungefähr drei Tage lang realistisch. 😅 Ich möchte etwas anderes ausprobieren: Wenn ich mir etwas Persönliches vornehme, soll es nicht mehr automatisch der erste Punkt sein, der verschwindet.
Und wenn es doch ausfällt, möchte ich genauer hinschauen. War heute wirklich kein Platz dafür? Oder habe ich wieder ganz selbstverständlich entschieden, dass alles andere wichtiger ist? Diese Unterscheidung interessiert mich mehr als ein perfekter Wochenplan.
Wenn du selbst immer keine Zeit für dich hast
Vielleicht kennst du dieses Gefühl ebenfalls. Dann würde ich nicht als Erstes versuchen, deinen gesamten Kalender umzubauen. Schau zunächst darauf, wo deine Zeit tatsächlich hingeht.
Welche Dinge sind wirklich notwendig? Welche sind Gewohnheit? Welche Verpflichtungen hast du selbst geschaffen? Was bekommt automatisch Vorrang? Und was streichst du zuerst? Manchmal liegt die Lösung nicht darin, noch effizienter zu werden. Vielleicht brauchst du nicht noch ein besseres Zeitmanagement, sondern musst nur aufhören, deine eigene Zeit immer als frei verfügbare Reserve zu behandeln.
Wenn du einen größeren Überblick darüber möchtest, wo gerade mehrere Lebensbereiche um Aufmerksamkeit konkurrieren, kannst du dafür den Lebens-Check-in nutzen.
Mein nächster Schritt
Für mich lautet der nächste Schritt erstaunlich unspektakulär: Ich möchte mir jeden Tag einen kleinen persönlichen Termin geben, der nicht produktiv sein muss. Keine riesige Routine, kein neues 30-Tage-Programm, sondern ein kleiner fester Platz. Und dann beobachte ich, was passiert.
Nicht nur, ob ich ihn einhalte, sondern auch, was in meinem Kopf passiert, wenn etwas anderes diesen Platz haben möchte. Vielleicht lerne ich dadurch mehr über meine Prioritäten als durch jede perfekt geplante Morgenroutine. Denn „keine Zeit für mich“ soll nicht länger automatisch das Ergebnis eines vollen Tages sein.
Wenn du meine Neustartreise von Anfang an verfolgen möchtest, findest du auf der Projektseite „Mit 49 beschlossen, mit 50 neu anzufangen“ alle bisherigen Beiträge. Passend dazu ist auch mein Eintrag „Warum ich diesmal nicht wieder alles gleichzeitig machen will“.
Ein Kommentar